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Berlin: Christian Vagt Softex

November 01, 2016 @ SomoS in Berlin.

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Christian Vagt
Softex

Softex ist ein von Militär und Polizei geführtes Lager in einem Industriegebiet Thessalonikis. Geflüchtete Menschen leben hier unter schlechten Bedingungen in Zelten in der ehemaligen Halle einer Toilettenpapierfabrik und auf der Brache dahinter.

Der Weg vom Nahen Osten über den Balkan war 2015 die wichtigste Route für Flüchtende nach West- und Nordeuropa. 2016 schlossen einige europäische Länder ihre Grenzen. Die Menschen wurden in Lagern interniert. Der Versuch, sie auf Europa zu verteilen, scheitert an der Ablehnung vieler Staaten Menschen aufzunehmen. Durch die Erklärung von Ländern außerhalb Europas zu sicheren Herkunftsländern versuchen einige Staaten die Flüchtenden ganz aus Europa fernzuhalten. Die Geflüchteten, die es dennoch nach Europa schaffen, werden gemäß dem Dubliner Übereinkommen in den sogenannten sicheren Drittstaaten an den europäischen Außengrenzen festgehalten.

„Griechenland könnte ein riesiges Gehege zur Verwahrung von Geflüchteten werden und die gleiche kontroverse Funktion erfüllen, wie die Inseln Nauru und Manus für Australien und den Pazifik. Falls sich die Situation nicht verbessert, haben wir ein System im australischen Stil, in dem Griechenland Nauru wird.“, schreibt der Guardian in einem Artikel über Softex.

In Children of Men (2006), einem Film von Alfonso Cuarón, hat Großbritannien seine Grenzen für immer geschlossen. Angst wird benutzt, um einen Polizeistaat zu rechtfertigen. Migranten werden verfolgt, zusammengetrieben und in Käfigen zur Schau gestellt. Sie werden in Lager wie das berüchtigte Bexhill an der Küste deportiert oder auf der Stelle exekutiert.

Der psychoanalytische Theoretiker und Kulturkritiker Slavoy Žižek: „Ich würde sagen, dass es ist ein realistischer Film ist, aber in welchem Sinne? Hegel sagt in seiner Ästhetik, dass ein gutes Abbild mehr wie die Person aussieht, die porträtiert wird, als die Person selbst. Ein gutes Abbild ist mehr du, als du es selbst bist. Und ich denke, das ist, was der Film mit unserer Realität macht. Die Veränderungen, die der Film macht, deuten nicht in Richtung alternativer Realität, sie machen die Realität nur mehr zu dem, was sie ohnehin schon ist. Ich denke, dass ist die wahre Berufung von Science Fiction. Science-Fiction-Realismus führt eine Veränderung ein, die uns besser sehen lässt. Der Alptraum, den wir erwarten, ist schon da.“

Die Bilder entstanden an drei Tagen im Juni und Juli 2016. Ich fotografierte aus dem fahrenden Auto, auch um den Zufall in die Entstehung des Bildes einfließen zu lassen. Der Zufall schafft Bilder, die der Verstand nie machen könnte.

Ich wollte keine Einzelschicksale erzählen, keine Nähe vortäuschen, dem Betrachter nicht ermöglichen, sich durch Einfühlung der eigenen Menschlichkeit zu vergewissern, sich so zu erleichtern. Diese Einfühlung ersetzt die Geste, etwas zu verändern.

Susan Sontag schreibt in Das Leiden anderer betrachten: „Mitleid ist ein unbeständiges Gefühl. Es muss in die Tat übersetzt werden, oder es welkt. Die Frage ist, was mit den Gefühlen tun, die erregt wurden, dem Wissen, das kommuniziert wurde. Wenn man fühlt, dass es nichts gibt, was „wir“ tun können – aber wer ist dieses „wir“? – und auch nichts was „sie“ tun können – und wer sind „sie“ – dann beginnt man gelangweilt, zynisch, apathisch zu werden. Und es ist nicht unbedingt besser bewegt zu sein. Sentimentalität ist bekanntermaßen völlig kompatibel mit einem Geschmack für Brutalität und Schlimmeres.“

So zeige ich Fotos des Zauns, undurchlässig und durchlässig, und des Geschehens dahinter, dass er verdecken soll, dem er aber eine Leinwand aufspannt: Zelte, Menschen die Schlange stehen, eine Mülltonne, ein Sandhaufen, ein Mann kniet, eine Mutter mit Kind, das Militär und die Polizei und die Körperhaltungen der Macht.

Noch einmal Žižek über Children of Men: „Der wahre Fokus des Films liegt auf dem Hintergrund und es ist entscheidend, ihn als Hintergrund zu lassen. Es ist das Paradox von dem, was ich Gestaltlosigkeit nennen würde, wenn du zu direkt auf das Ding schaust, die unterdrückende soziale Dimension, siehst du sie nicht. Du kannst sie nur auf eine indirekte Weise sehen, wenn sie im Hintergrund bleibt.“

„Die eingebildete Nähe zu dem anderen zugefügten Leid, die von den Bildern gewährt wird,“ schreibt Susan Sontag, „suggeriert eine Verbindung zwischen den fernen Leidenden und dem privilegierten Zuschauer, die einfach unwahr ist, die nur eine weitere Verschleierung unseres wirklichen Verhältnisses zur Macht ist. Soweit wir Mitgefühl empfinden, fühlen wir, dass wir nicht Komplizen dessen sind, was das Leiden verursacht hat. Unser Mitgefühl verkündet unsere Unschuld, wie unsere Ohnmacht.“

Der Künstler

Christian Vagt ist ein in Berlin lebender Fotograf. In den neunziger Jahren dokumentiert er den Alltag von Hausbesetzern im Osten Berlins und arbeitet als Clubfotograf im SO36. Aufmerksamkeit erregen 2009 seine Fotografien schwuler Punks und Skinheads in der Galerie der Kunsthalle Tallinn, Estland. „Seine Fotos sind nicht inszeniert, vielmehr sind es Momentaufnahmen, die oft wie Filmausschnitte wirken. Dieser Eindruck wird durch die Serialität noch vertieft.“ (Ants Juske, Eesti Päevaleht). The Sprawl, eine Fotoserie von Kim Gordon, damals Sängerin und Bassistin der Band Sonic Youth, kommt 2010 zur Ausstellung. Daneben fotografiert er Reportagen in New York, Sibirien, Zentralasien und Bosnien. 2016 erscheinen seine Fotografien des SO36 im Buch S036 – 1978 bis heute, begleitet von einer Ausstellung in der Galerie Knoth und Krüger. Die Bilder der Ausstellung Softex im SomoS Art House entstehen auf einer Reise im Sommer 2016 entlang der Balkanroute, dem bis dahin wichtigsten Weg für Flüchtende nach Westeuropa.

Christian Vagt
Softex

Fotografien eines Lagers

02.-12.11.2016
Di-Sa 14-19 Uhr

01.11.2016, 18 Uhr, Eröffnung
03.11.2016, 18 Uhr, Künstlergespräch mit Christian Vagt
11.11.2016, 19 Uhr, Wir wir helfen: Offenes moderiertes Gespräch
12.11.2016, 18 Uhr, Finissage

Eintritt frei

SomoS Art House
Kottbusser Damm 95
10967 Berlin

Christian Vagt
Softex

Softex is a military and police run camp in an industrial region of Thessaloniki. Refugees live under appalling conditions in tents in the former warehouse of a toilet paper factory and the wasteland behind it.

In 2015, the passage from the Middle East via the Balkans was the most important route for fleeing to western and northern Europe. In 2016, some European countries closed their borders. The refugees were interned in camps. The attempt to distribute people across Europe failed due to the refusal of many states to shelter them. By declaring non-European countries as safe countries of origin, some states are attempting to keep the refugees out of Europe entirely. The refugees that succeed in entering Europe are detained under the Dublin Regulation in the so-called safe third countries along the EU’s external borders.
“Greece could end up becoming a giant holding pen for refugees, performing the same controversial role for Europe that Nauru and Manus Island perform for Australia in the Pacific. If the situation does not improve, then what we have instead is an Australian-style system, where Greece becomes Nauru,” the Guardian writes in an article about Softex.

In Children of Men (2006), a film by Alfonso Cuarón, Great Britain has closed its borders for good. Fear is being used to justify a police state. Migrants are tracked down, rounded up and displayed in cages. They are deported to camps like the notorious Bexhill on the coast or executed on the spot.

Psychoanalytic theorist and cultural critic Slavoy Žižek: “I would say that it’s a realist film, but in what sense? Hegel in his esthetics says that a good portrayal looks more like the person who is portrayed than the person itself. A good portrayal is more you than you are yourself. And I think this is what the film does with our reality. The changes that the film introduces do not point toward alternate reality, they simply make reality more what it already is. I think this is the true vocation of science fiction. Science fiction realism introduces a change that makes us see better. The nightmare that we are expecting is here.“

The images were made in three days in June and July 2016. I photographed from a moving car, in part to let chance flow into the creation of the image. Accident creates images that intellect could never make.

I did not want to recount the fates of individuals, nor fake proximity, nor enable the spectator through pity to reassure himself of his humanity and therefore to find relief. This kind of pity replaces the gesture of causing change.

Susan Sontag writes in Regarding the Pain of Others, “Compassion is an unstable emotion. It needs to be translated into action, or it withers. The question is what to do with the feelings that have been aroused, the knowledge that has been communicated. If one feels that there is nothing ‘we’ can do – but who is that ‘we’? – and nothing ‘they’ can do either – and who are ‘they’ – then one starts to get bored, cynical, apathetic. And it‘s not necessarily better to be moved. Sentimentality, notoriously, is entirely compatible with a taste for brutality and worse.“

So I am exhibiting photographs of the fence, obscuring yet transparent, and the acts behind it that it is meant to conceal but that it spans a screen for: tents, people standing in line, a rubbish bin, a heap of sand, a man kneeling, a mother and child, the military and the police and the postures of power.

Once again Žižek on Children of Men: “The true focus of the film is there in the background and it‘s crucial to leave it as a background. It‘s the paradox of what I would call an amorphosis, if you look at the thing too directly, the oppressive social dimension, you don’t see it. You can see it in an oblique way only if it remains in the background.“

“The imaginary proximity to the suffering inflicted on others that is granted by the images,“ writes Susan Sontag, “suggests a link between the faraway sufferers and the privileged viewer that is simply untrue, that is yet one more mystification of our real relations to power. So far as we feel sympathy, we feel we are not accomplices to what caused the suffering. Our sympathy proclaims our innocence as well as our impotence.“

The artist

Christian Vagt is a photographer based in Berlin. In the nineties, he documented the everyday life of squatters in East Berlin and worked as a club photographer in Berlin‘s punk and queer club SO36. In 2009, his photographs of gay punks and skinheads in the gallery of the Tallinn Art Hall in Estonia attracted attention. “His photos aren’t staged, in fact they are snapshots often resembling film clips. This effect is deepened by the seriality of his photos.“ (Ants Juske, Eesti Päevaleht). The Sprawl, a photo series of Kim Gordon, then singer and bassist of the band Sonic Youth, was exhibited in 2010. In addition he shoots reportages in New York, Siberia, Central Asia and Bosnia. In 2016, his photographs of SO36 appeared in the book SO36 – 1978 until Today accompanied by an exhibition at Knoth and Krüger Gallery. The images of the exhibition Softex at Somos Art House were photographed on a trip along the Balkan route in the summer of 2016, until then the most important passage for refugees on the way to Western Europe.

Christian Vagt
Softex

Photographs of a Camp

02-12 Nov 2016
Tu-Sa 2-7 p.m.

01 Nov 2016, 6 p.m. Opening
03 Nov 2016, 6 p.m. Artist Talk with Christian Vagt
11 Nov 2016, 7 p.m. How we help: Open moderated discussion
12 Nov 2016, 6 p.m., Closing

Free admission

SomoS Art House
Kottbusser Damm 95
10967 Berlin

Address: Kottbusser Damm 95, Berlin
Christian Vagt Softex

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